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Louis Théodore Gouvy (1819-1898), ein Komponist aus dem Warndt

Louis Théodore Gouvy "Théodore Gouvy - compositeur lorrain" ist der Titel einer von der Association Théodore Gouvy erarbeiteten Dokumen- tation über einen Komponisten am Schnittpunkt zweier Kulturen. Die Autoren, François ROTH, Sylvain TEUTSCH, Harry HALBREICH u.a. bedienten sich bei den Recherchen insbesondere der noch verfügbaren, (wenn auch nicht sehr umfang- reichen) Quellen aus den Archiven der Gouvy und ihrer Nachfahren. Ihre Quelle war maßgeblich für die folgenden Zeilen über den berühmten Sohn der Stadt Hombourg-Haut.

Es gibt eine lothringische Tradition des Gregorianischen Chorals, einer schon f rüh für einige Zeit als Chant Messin (Metzer Choral) be- zeichneten Stilrichtung, auch die der mehrstimmigen Vokalmusik. Henri Desmarest schrieb in seinem Exil in Lunéville für den Herzog Leopold erstaunliche Motetten, zumindest waren sie denjenigen seiner Zeitgenossen aus dem Versailler Umkreis ebenbürtig, die nicht über den Horizont ihres Stilformats hinaus zu sehen vermochten.

In früheren Zeiten hatte jede lothringische Gemeinde, von der eines Weilers bis zur städtischen Gemeinde, den Ehrgeiz, eine Orgel zu installieren, durch deren Verbreitung sich ganze Orgelbauer-Dynastien entwickelten.

Auch wenn der religiös-sakrale Hintergrund mehr und mehr von einer Betonung des Weltlichen in unserer Zeit überlagert wurde, bleibt es doch die Pflicht eines seiner historischen Größe und Identität bewussten Kulturraums im Zentrum Europas, wie Lothringens, an diese musikalische Tradition zu erinnern.

Théodore Gouvy entspricht jenem Anspruch der kulturellen Vermittlung zwischen den Kulturen zweier Nationen. Dennoch wurde seine Musik nicht nur lange Zeit nicht gewürdigt, sondern in eine unbekannte Vergangenheit verbannt. Sein Requiem ist seit einigen Jahren durch eine Initiative aus dem eigenen Antrieb dieses kleinen Industrieortes in die lebendige Erinnerung zurückgerufen worden.

Man sagt den Unternehmern aus dem Hause Gouvy eine gewisse Zähigkeit nach, der ihre Fabriken so oft das Überleben verdankten, wenn sie von den Risiken und Wechselfällen in der Geschichte des Grenzlandes bedroht waren. Eines im Grunde ungünstig gelegenen Gebietes, das schon in früheren Jahrhunderten mehr als Aufmarsch- und Truppendurchzugsraum berüchtigt war, als dass es günstige Bedingungen für eine wirtschaftliche Blüte versprach.

Théodore hatte keine künstlerischen Wurzeln innerhalb seiner Familie aufzuweisen, die sich ganz der Stahlerzeugung ver- schrieben hatte. Davon wurde auch der Lebensweg des Musikers geprägt.

Louis Théodore Gouvy, jüngster von vier Brüdern, kam am 3. Juli 1819 in Goffontaine zur Welt, als Sohn von Henry Gouvy. Dieser war Enkel des erwähnten Pierre, Bürgermeister von Saarlouis und Beamter am Hofe Ludwigs XV., und von Caroline-Thérèse Aubert.

Goffontaine bestand in jener Zeit nur aus dem Hammerwerk, dem Elternhaus und einigen Wohngebäuden für die Arbeiter und Angestellten, bot also dem jungen Théodore bis zum achten Lebensjahr kaum Abwechslung. Seine Mutter, die Liebe zur Natur, das Jagderlebnis in den nahen Wäldern waren Inhalt seines jungen Lebens. Ansonsten war es die Neigung zur Musik, die man bei ihm seit seinem sechsten Lebensjahr bemerkte, als er Variationen auf einer kleinen Harfe improvisierte.

Wie seine Brüder war er für einige Zeit im Eisenwerk tätig, das sich nach dem frühen Tod seines Vaters einer übermächtigen Konkurrenz ausgesetzt sah. Aus den Familienarchiven ist der Satz überliefert, dass, nachdem der älteste Bruder ein eigenes Walzwerk gegründet hatte, der zweite in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und der jüngste nur in der Musik schwelgte, es an Alexandre war, die Staffel der Unternehmensführung zu übernehmen.

Alexandre und Théodore teilten das gleiche Schicksal, als Preuße geboren zu sein. So strebten sie nach der französischen Staatsbürgerschaft, die ihre Brüder und Vorfahren hatten, auf die sie alle Wert legten. Für Théodore ergab sich nach einem mit wenig Interesse verfolgten und daher wenig erfolgreichem Jurastudium bestenfalls die Aussicht, bis zum 31. Lebensjahr warten zu müssen, bis sich ihm als Franzose der Zugang zu einer adäquaten juristischen Laufbahn bot oder eben - so reflektierte er - Kaufmann oder Künstler zu werden. Zu ersterem eignete er sich nach eigenem Urteil nicht. Wenn er die zwei- te Wahl ins Auge fasste, war er sich wohl bewusst, wie wenig er damit seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. Als Anteilsinhaber am wieder florierenden Familienunternehmen hatte er aber den Vorteil, sich doch ganz der Musik ver- schreiben zu können. Das Studium schloss er nicht ab, konnte dem Unternehmen so also nicht dienen, und er fasste den Entschluss, Komponist zu werden.

Seine Familie war darüber nicht sehr glücklich, stand dieser Entscheidung sogar ablehnend gegenüber, glücklicherweise nicht sehr lange, denn für Théodore war das Musikstudium von existentieller Bedeutung. Vor allem die Mutter erkannte und akzeptierte seine Leidenschaft für die Musik.

In allem Franzose, außer von Geburt, bemühte er sich ab 1839 mit Beharrlichkeit, die ihm dadurch verwehrten französischen Studien, Qualifikationen und Auszeichnungen durch den Ehrgeiz zum Erfolg wettzumachen, indem er sich von den Größten seines Faches in Paris unterrichten und formen ließ, Soireen und Konservatorien besuchte, im Salon von Carl Halle mit den Pariser Spitzen unter den Komponisten seiner Zeit, u. a. Chopin, Berlioz, zusammentraf. Fast gleichzeitig aber zog ihn das Musikleben einer Stadt an, die schicksalhaft sein Musikerleben bestimmte: Leipzig. Geprägt hatte seinen Werdegang die frühere Begegnung mit Mendelssohns Werken (1842 Gewandhaus), damit erklärt sich die Neigung zur deutschen Musik. Ab 1846/47 trat er mit selbst finanzierten Konzerten in Paris auf. Dort kam seine 2. Sinfonie F-Dur 1849 zur Uraufführung. Dieselbe wird vom kritischeren Publikum im Gewandhaus zu Leipzig 1850 mit großem Beifall aufgenommen. Später traf er in dieser Stadt auf Liszt und Berlioz, zusammen mit dem Verleger Härtel.

Sein Fernsein von der heimatlichen Geborgenheit bei der Familie in Goffontaine unterbrach er so oft er konnte, häufiger noch, nachdem seine Mutter, zu der er eine überaus starke Bindung hatte, infolge einer Fasterblindung nicht mehr mit ihm korrespondieren konnte.

Alexandre hatte inzwischen die Fabrik in Hombourg-Haut übernommen, nur Théodore blieb zunächst in Goffontaine. Der für ihn schmerzliche Verlust seiner 1868 verstorbenen Mutter veranlasste Théodore jedoch zur Übersiedlung nach Hombourg in das von Alexandre errichtete neue Familienhaus. Wo er nach Monaten die Fähigkeit zu komponieren wiederer- langte, um sein der Mutter gewidmetes Requiem Opus 70 zu entwerfen, ein Werk, das von tiefer Religiosität getragen ist. Zu seinen bekannteren Werken, die 1874 entstanden sind, zählen außer dem Opus 70 - Requiem für 4 Hauptstimmen, Chor und Orchester auch das Streichquartett Nr. 5 C-moll, opus 68.

Die aus der Erinnerung an die Mutter belebte, familiäre Atmosphäre fand er in diesem Hause wieder, in dem er die letzten 30 Jahre fast ausschließlich verbrachte. Von hier aus kämpfte der eine Bruder um das industrielle Familienerbe, hier verteidigte der andere seine musikalische Vision. Die Anerkennung seiner Verdienste durch die Kollegenschaft berühmter Musi- ker begann kurze Zeit nach dem Einzug in diese Villa.

Nach Auszahlung seines Anteils an dem 1873 verkauften Eisenwerk Goffontaine war er finanziell unabhängig genug, die Einkünfte aus seiner musikalischen Tätigkeit bedürftigen Orchestermusikern zukommen zu lassen. Dass er, der Musiker Gouvy, dem Namen der Familie in der höheren Gesellschaft Frankreichs einen besonderen Klang verlieh, blieb nicht ohne vorteilhafte Auswirkungen auf die geschäftlichen Kontakte des Stahlunternehmens. Wie es sich auf der Weltausstellung 1878 in Paris bestätigen sollte: Ehre wurde dort dem Stahl wie der Musik des Hau- ses zuteil. Théodores 3. Symphonie Cis-Dur Opus 20 wurde am 18. Juni 1878 anlässlich der Eröffnung des Pariser Palais du Trocadéro aufgeführt. Sein Name war nunmehr mit höchsten Auszeichnungen verbunden. Die umfangreiche Korrespondenz des Komponisten zeugt von engen freundschaftlichen Beziehungen mit größten Vertretern der Musik im 19. Jahr- hundert. Die musikalische Stafette sollte nach Théodore mit Léopold Gouvy, dritter Sohn Alexandres, ein weiteres Familienmitglied übernehmen, das unter einem Pseudonym (Opol Ygouv) immerhin beachtliche Kompositionen schuf.

Dank einer in den Gouvy-Archiven sorgfältig dokumentierten Hinterlassenschaft verfügt die Musikwelt über die Möglich- keit, sich ein präziseres Bild als aus spärlichen und nicht immer korrekten Lexikonzeilen über Théodore Gouvy zu machen, den Berlioz schon 1853 als bedeutend erkannte. Von ihm ist das im Journal des débats (April 1853) abgedruckte Zitat überliefert:

"Dass ein Komponist von der Bedeutung Gouvys in Paris noch so wenig bekannt ist, dagegen so zahlreiche musikalische Eintagsfliegen das Publikum mit ihrem einfältig aufdringlichen Gebrumme nerven, das sollte diejenigen naiven Gemüter wachrütteln und aufs Peinlichste berühren, die noch immer an die Vernunft und Gerechtigkeit in den Gepflogenheiten unserer musikalischen Welt glauben."

Die Villa Gouvy, in die Théodore nach dem Tode der Mutter eingezogen war wurde, zusammen mit der Umgebung, zu einem wahren Ort der Inspiration für das musikalische Schaffen. Das lag an der günstigen Atmosphäre, in der sein Werk reifte, an der Familie des Bruders, die für seine Arbeit mehr als aufgeschlossen war, an der Zuneigung der Schwägerin, Henriette, der viele seiner Werke gewidmet sind und die als engste Vertraute seiner Pläne zudem die Rolle seiner Mutter einnahm, ferner an dem schattigen Park des Anwesens, den nahen Wäldern, wo er neue Schaffenskraft fand.

Wie ideal diese Verbindung war, erahnte man, wenn man von Henriettes musikalischer Bildung wusste, von ihrer reichlich bestückten Fachbibliothek Kenntnis hatte. Henriette Gouvy, eine geborene Böcking - übrigens nicht die einzige Verbindung des Hauses zur Industriellenfamilie von der Saar - war eine exzellente Klavierspielerin. Auch dies sollte das Lebenswerk Théodores mitbestimmen. Mit ihm interpretierte sie seine Partituren vierhändig auf einem oder beiden Bechstein-Flügeln in dem zur Probe eignenden verwinkelten Klangraum des Salons. Zu seinen Lebzeiten organisierte sie in den Sommern, vor allem 1896 im Schlosspark des Château d'Hausen, aber noch nach Theodors Tod, ein mit Freunden improvisiertes Festival der Freunde der Musik, wo sie namhafte Künstler von beiderseits der Grenze als Gäste empfing.

1873 förderte sie mit ihrem persönlichen und finanziellen Engagement - parallel zur Verlagerung des Eisenwerkes aus Goffontaine - die Neugründung des schon 1865 entstandenen Vereins Association Musicale et Chorale des Hommes unter dem Dach des neuen Unternehmens in Hombourg. 30 Sänger aus den 50 übergesiedelten Familien von Arbeitern und Angestellten setzten die Chorarbeit in Hombourg-Haut fort. Henriette verdankte man auch die instrumentelle Ausstattung sowie die Nachwuchsausbildung im "Musik- und Männergesangverein Oberhomburg", wie er eben zur Zeit der preußischen Besatzung benannt wurde. Der Verein zählte 1890 immerhin 63 Chorstimmen und verfügte über 32 Saiten- und 20 Blechinstrumente. Schwierig war es dennoch, die zumeist als Fremde betrachteten Mitglieder in das Milieu der Angestammten französisch-lothringischen Bevölkerung zu integrieren. Die Leitung hatte ein deutscher Hauptmann - der Leiter des Musikkorps Hamburg aus dem in St. Avold stationierten 14. Ulanenregiment. Er ließ zwei- bis dreimal wöchentlich proben und ermöglichte die Ausbildung an den Instrumenten.Die musikalische Begeisterung erbte auch Félix, der als zweitältester Sohn von Alexandre nach dessen Tode den Stab der Firmenleitung übernahm. Er war Ehrenvorsitzender im Verein, hatte seinen berühmten Onkel auf zahlreichen Reisen, u.a. nach Leipzig, begleitet, wurde Mäzen im Hinblick auf die glanzvollen Galas im Park des inzwischen den Gouvy gehörenden so genannten Château d'Hausen.

Die alten Spuren zu jener Vergangenheit wieder aufzunehmen, eine Recherche über die wenigen und meist unbedeutenden Schriftstücke aus dem quasi Familienarchiv s owie die Erinnerungen der Altvordern aus dem Fundus mündlicher Überlie- ferung zu betreiben, das war keine einfache Angelegenheit. Denn die Abreise der Gouvy aus Hombourg stellte für die meisten im Ort eine Art Bruch in der Ortsgeschichte dar.

Den Zugang zu alten Quellen mit der Unterstützung durch die Nachfahren der Gouvy zu finden, stand als neue Initiative im Kontext des aktuellen Kulturlebens dieser Warndtgemeinde. Damit wurde die historische Bausubstanz in Form der restau- rierten Stiftskirche St. Etienne ins Spiel gebracht, die den Rahmen abgab für die fast 100 Jahre nach der Trauermesse für Théodore (am 27. April 1898) stattfindenden jüngsten Aufführungen seiner Kompositionen beim Festival de Musique. Innerhalb von drei Jahren erklangen dort 17 seiner 90 veröffentlichten und zumeist in Hombourg entstandenen Werke. Mit Hilfe von Partnern konnte der traditionsreiche Chorverein viele seiner Ziele erreichen.

Im Übrigen sollte ein Hinweis auf die Zuneigung Gouvys zur deutschen klassischen Tradition genügen, deren Grundfarbe er um neue Entwicklungslinien bereicherte, die ihn aber nicht sogleich zum Revolutionär oder Erneuerer machten. Ihn, der doch Wagners Musik, selbst der Musik von Liszt oder sogar der von Berlioz wenig Beachtung schenkte, von Mendelssohn dagegen begeistert war, Brahms und Grieg wie auch den Franzosen Lalo und Gounod von Herzen freundschaftlich und aufgeschlossen begegnete.

Die Zweisprachigkeit lothringischer Kultur resultiert aus den bekannten historischen Zwängen. Wahr bleibt immerhin die kulturelle Verwurzelung von Théodore Gouvy in den Kulturen beiderseits aktueller und vergangener Staatsgrenzen. Nach der Besatzung von 1871 und später mag seine Verbundenheit mit deutscher Musik - negativ bewertet - einen Erklärungsgrund für das Verschwinden im kulturellen Gedächtnis des Ortes geboten haben, heute wird sein Schaffen inzwischen mit dem von Madame de Staël (Autorin von De l'Allemagne) und des Lothringers Charles de Villers verglichen und positiv gesehen.

Heute gilt er als der Vertreter einer humanistischen Vision von Deutschland, die in Frankreich nur lange Zeit weniger Wohlwollen fand als in Köln oder Leipzig, wo Théodore Gouvy 1898 verstarb.

   
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